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150 Jahre Lederwaren Wegeler

»Tradition ist bewahrter Fortschritt, Fortschritt ist weitergeführte Tradition.«

Ein historischer Rückblick von Gerhard Behnke, Waldshut

 

Auf 150 Jahre Firmengeschichte kann das Waldshuter Lederwarenfachgeschäft Wegeler in diesem Jahr zurückblicken. Mit Firmenchefin Arlyn Kersten-Reck wird das Geschäft inzwischen in fünfter Generation geführt, die Herausforderungen dieser langen Geschichte hat die Familie gemäß des eingangs aufgeführten Zitats von Carl Friedrich von Weizsäcker bis heute im besten Sinne gemeistert.

 

Die Innenstädte in Deutschland erzählen eine eigene Geschichte: Viele kleine Fachgeschäfte mit langer Tradition und ausgefeiltem Sortiment schließen, große Ladenketten prägen deutschlandweit die Fußgängerzonen. Die Innenstädte verlieren ihr charakteristisches Gesicht. So zählt Lederwaren Wegeler in Waldshut zu den wenigen Geschäften, die diesem Trend erfolgreich widerstehen konnten: 150 Jahre ist eine stolze Zahl, und man kann das Geschäft als einen sehr lebendigen Teil der Waldshuter Geschichte bezeichnen!

Das Hochzeitsfoto

Ferdinand und Rosina Wegeler

 

Bild Privatarchiv

Frida Böhler geb. Wegeler

mit Tochter Emma um 1920

vor dem Geschäftshaus

 

Bild Privatarchiv

Hannegret und Roland Reck

 

Bild Privatarchiv

Mut und Optimismus:

Als Ferdinand Wegeler – 1842 in Waldshut geboren –  im November 1865 sein Sattlergeschäft in der Waldshuter Kaiserstraße eröffnete, wird sich der junge Meister kaum Gedanken darüber gemacht haben, ob sein Betrieb jemals dieses stolze Alter erreichen würde. Seine handwerklichen Fähigkeiten waren damals besonders gefragt. Wie alte Aufzeichnungen berichten, nähte Wegeler ganze Kutschenausrüstungen und Pferdegespanne für die hiesigen Brauereien oder Viehgeschirre für die im Umland ansässige Landwirtschaft – alles in Handarbeit, denn eine Nähmaschine gab es in seiner Werkstatt nicht. Ergänzend wurden Koffer und Schulranzen im Auftrag hergestellt.

 

Da Ferdinand Wegeler 1868 das Bürgerrecht von Waldshut erworben hatte, konnte er mit seiner aus Brenden stammenden Frau Rosina 1869 das Haus in der Kaiserstraße 73 erwerben. Das Haus beherbergt bis heute die Geschäftsräume von Lederwaren Wegeler und war zugleich 100 Jahre lang Wohnhaus der Familie. 2003 wurden weitere Geschäftsräume unweit des Hauptgeschäfts in der Waldshuter Kaiserstraße angemietet.

 

Die Wegelers sind nachweislich seit 1630 in Waldshut ansässig. Sie waren mit wenigen Ausnahmen fast alle Handwerker. Das Sattlerhandwerk erlernte Ferdinand Wegeler bei seinem Onkel, Meister Billinger, dem damals das Haus zur Glocke in der Kaiserstraße gehörte. Vor der Geschäftsgründung erwarb sich der Geselle Wegeler während seiner Wanderjahre wichtiges handwerk-liches Knowhow. Zweieinhalb Jahre war er unterwegs. Seine Wanderschaft führte ihn u.a. nach Frankfurt, Hof, Nürnberg und auch nach Wädenswil bei Zürich. Am 1. November 1865 eröffnete er schließlich sein Geschäft.

 

Der Blick auf die 150-jährige Geschichte des Lederwarengeschäfts macht auch deutlich, wie weit seine Tradition zurückreicht: 1865 befinden wir uns in der Gründerzeit. 1856 hatte die Bahnstrecke von Basel aus Waldshut erreicht, die dann 1863 bis Konstanz fertig gestellt war. Seit 1859 bestand eine grenzüberschreitende Bahnverbindung nach Koblenz/CH. Das Industriezeitalter hatte in der Hochrheinregion erst langsam Einzug gehalten: die Lauffenmühle Lauchringen war 1835 in eine Baumwollspinnerei umgewandelt worden. Andere größere Betriebe wie die Villiger-Fabrik in Tiengen, das Lonza-Werk in Waldshut oder die Papierfabrik Albbruck gab es noch gar nicht.

 

 

Kontinuität und Wandel:

Nach der Jahrhundertwende verdrängten industriell gefertigte Waren die handwerkliche Arbeit. Mit der Entwicklung von Landmaschinen und der Motorisierung ging auch der Bedarf an Sattlerwaren zurück. Gleichermaßen nahm aber die Reiselust der Menschen zu. Es wurden vermehrt Reiseartikel und Gepäckstücke benötigt. Neben den Accessoires bilden sie bis heute das klassische Angebot des Lederwarenfachgeschäftes.

 

Mit dem Tod des Firmengründers 1916 wurde der Handwerksbetrieb eingestellt. Das Fertigprodukt hielt Einzug. Ehefrau Rosina Wegeler führte mit ihrer Tochter Frida Böhler den Betrieb als Einzelhandelsfirma weiter.

 

Mit der Weiterführung in zweiter Generation bestimmen vor allem Frauen die Geschicke des Geschäfts. »Mütter waren und sind in dieser Familie stattlich vertreten«, wusste beispielsweise Hannegret Reck 1999 zu erzählen, als das Geschäft an ihre Tochter und die heutige Geschäftsinhaberin Arlyn Kersten-Reck übergeben wurde.

 

 

Von Frida Böhler ist überliefert, dass sie ihr tägliches Gläschen Rotwein liebte und eine Verfechterin der Kneippschen Gesundheitsmethoden war. Sie galt als »Original der Stadt« und um ihre Art und Weise, wie sie das Geschäft ins-gesamt 37 Jahre lang führte, ranken sich zahlreiche Anekdoten. Zum Warensortiment des Geschäfts zählten zu dieser Zeit u.a. Korb-Reisekoffer, Koffer in den damals aktuellen Materialien wie Vulkan-Fiber oder »Echt Cord-Gewebe«, Handtaschen, Brieftaschen, Hundeleinen und Geschirre. Der Begriff »Deutsche Wertarbeit« wurde schon damals zum Qualitätssiegel.

 

Frida Böhlers einziges Kind ihre Tochter Emma Reck geb. Böhler entschied sich, dass sie keine Geschäftsfrau werden wollte. Trotzdem erinnert sich die heutige Inhaberin Arlyn Kersten-Reck gerne an ihre Großmutter: »Durch ihre Beständigkeit, ihre Ruhe, die Verflochtenheit mit Traditionen hat sie mir die Brücke zu einer ›alten‹ Welt erschlossen, hat Werte wie Stille, Muse, Zeit und Achtsamkeit vorgelebt.«

 

Frida Böhler blieb damit bis 1954 Inhaberin von Lederwaren Wegeler, bevor sie das Geschäft 78-jährig an ihren damals 21-jährigen Enkel Roland Reck und dessen spätere Ehefrau Hannegret übergab. Bis zur Übergabe 1999 an Arlyn Kersten-Reck führte das Ehepaar 45 Jahre lang das Geschäft als Team: Roland Reck – profunder Kenner der Waldshuter Geschichte – fand bald eine Anstellung bei einem Schweizer Maschinenkonzern und war für die Verwaltungsarbeit im Hintergrund zuständig. Er wurde als zweiter Vorsitzender des Werbe- und Förderungskreises zu Beginn des Baues der Fußgängerzone in den Stadtrat, Bau- und Sanierungsausschuss berufen, wo er sich maßgeblich für eine termingerechte Durchführung der Bauarbeiten einsetzte.

 

Hannegret Reck war »Gesicht« und Repräsentantin des Geschäfts. Ihr langjähriges und vorbildliches Engagement machte »Lederwaren Wegeler« zu dem Fachgeschäft, für das es heute in der Waldshuter Region bekannt ist: fundierte Fachkompetenz, versierte Beratung und ein Gespür für ein ausgewogenes und qualitativ hochwertiges Sortiment. Der Wandel und die Kontinuität wurden zudem in einigen Umbauten und Erweiterungen im Laden deutlich. »Ja – Mama war immer im Laden«, lautet deshalb auch ein geflügeltes Wort der Familie Reck, wenn sie sich an das große Engagement von Hannegret Reck erinnert.

 

»Die Kontinuität, die seit 1954 meine Eltern gepflegt haben, ist mir weiter Verpflichtung«, sagt Arlyn Kersten-Reck nun im 150. Jubiläumsjahr. Höchste Qualitätsansprüche und umfassender Kundendienst, von der fundierten Fachberatung bis hin zu Reparaturen und Beschaffung individueller Einzelstücke sollen, wie in der Vergangenheit auch, Richtpunkte des geschäftlichen Auftretens und Handelns bei Lederwaren Wegeler bleiben. Erst vor kurzem wurde das Hauptgeschäft durch einen Umbau neu gestaltet und das Warensortiment erweitert. Das Geschäft ist damit bestens aufgestellt für die nächsten Herausforderungen in der Zukunft.

 

 

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LEDERWAREN WEGELER, KAISERSTRASSE 73 und 67, 79761 WALDSHUT, T +49 7751 2507

WEGELER.LEDERWAREN@T-ONLINE.DE

 

 

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